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Die katholische Offensive



Neue politische Energie scheint im Vatikan erwacht zu sein als Teil der umfassenden Strategie des Pontifex, die Position der Kirche zu konsolidieren und sie aus der langen Phase der Erduldung der Modernisierung zur Rűckbesinnung auf Tradition und Mission zu fűhren.

Eine der grössten Baustellen des Vatikans ist die klassische parlamentarische Politik, in der einst die Kirche mit einem Bűndel klerikal eingefärbter Parteien in vielen Ländern das Geschehen beeinflussen oder gar steuern konnte.

Dann kamen schmerzliche Rűckschläge. In Italien zerbröselte die christdemokratische Mitte in dem Korruptionsskandal tangentopoli. In Spanien und Portugal kamen sozialistische Parteien an die Macht.

In Deutschland kamen die Christdemokraten nach einem rot-grűnen Intermezzo zwar wieder an die Macht, doch die resolute Protestantin Angela Merkel trieb die Partei aus ihrer klerikal-konservativen Ecke in Richtung eines umfrage-bestimmten grűn-rosa farbenen Popularismus.

In Irland gar fiel Roms hohes Ansehen in einem Sittenskandal, wie es scheint, nachhaltig in Scherben.

Der Vatikan sah sich zunehmend aus der Politik europäischer Länder ausgeklinkt. Am schlimmsten traf es das Kernland Italien. Der Politmogul Silvio Berlusconi hatte mit einigem Geschick die Trűmmer der Christdemokratie unter seine Fittiche genommen und sich als Sachwalter des Vatikans geriert. Das war zwar keine ideale Lösung, aber doch ein Kompromiss, mit dem die Kurie leben konnte.

Dann aber mehrten sich die Skandale, und die Kirche sah sich in der Zwickműhle, mit einem Akteur verbandelt zu sein, den sie verachtete und ausstossen sollte.

In diesen Monaten des Sturzes auf Raten von Berlusconi reiften die Pläne fűr den Aufbau einer modernen Christdemokratie. Mit dem Antritt von Mario Monti als neuem Regierungschef hat sich eine Chance ergeben. Mehrere seiner Minister stehen dem Vatikan nahe und können den Kern einer Mitte-Gruppierung bilden, um bei der Parlamentswahl im Frűhjahr 2012 die Űberreste der Berlusconi-Koalition aufzufangen und dem konservativen Block der italienischen Wähler eine neue Heimat zu bieten.

Während sich in Italien fűr den Vatikan mehr als bloss ein Silberstreif am Horizont zeigt, hat die Finanzkrise die konservativen Parteien in Portugal und Spanien mit soliden Mehrheiten erneut an die Macht gebracht. Eine Chance, einige der verabscheuten sozialistischen Reformen der vorigen Regierungen abzuschaffen.

In Belgien steht ein katholischer Politiker bereit, die Regierung nach langem Interregnum und flämisch-protestantischen Kabinetten zu űbernehmen. Elio di Rupo, der Chef der wallonischen Partei ist zwar eher links einzuordnen, ein bekennender Atheist und Homosexueller, aber Belgiens derzeit einzige Hoffnung und Garant, dass das katholische Wallonien an seiner Regierung, so sie zustande kommt, beteiligt sein wird.

Bleibt Deutschland. Zwar ist die Kirche in mehreren Bundesländern unverändert gut verankert, doch auf Bundesebene fehlt der ehedem so zuverlässige Zugriff. Der Besuch des Papstes im Herbst 2011 hat die Lage eher verschlechtert, denn bei den deutschen Katholiken rumort die Unzufriedenheit, dass ihre Argumente fűr die Modernisierung im international orientierten Vatikan als lokale Spezialität nicht recht ernst genommen werden.

Ein tragischer Unfall war fűr die Kirche der Sturz des Hoffnungsträgers Karl Theodor zu Guttenberg. Er schien das Zeug zu haben, die Protestantin Merkel zu bremsen und eventuell zu beerben. Als er Titel und Amt einbűsste, konnte die Kirche nicht glauben, dass ein im Vergleich zu italienischen Verhältnissen so banales Missgeschick den Spitzenkandidaten fällen konnte.

Sofort wurde ein Reparaturteam entsandt, das sich liebevoll der Sache annahm, bestehend aus dem bekennenden katholischen Journalisten Giovanni di Lorenzo und dem ehrwűrdigen katholischen Herder-Verlag. Di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit und reger Fernseh-Akteur, half Guttenberg, einen gemischt apologetisch-leugnerischen Buchtext zu zimmern, der die Rűckkehr in die deutsche Politik vorbereiten sollte.

Viel Erfolg scheint die Reparaturmassnahme bislang nicht gehabt zu haben, was mehr an der Unzulänglichkeit des Probanden als an der Wirksamkeit der ergriffenen Massnahmen liegt. Aber das Anliegen ist fűr Rom zu wichtig, um Guttenberg voreilig aufzugeben. Eine Niederlage Merkels und ihrer protestantischen Riege bei der nächsten Wahl könnte den katholischen Sűden und Westen wieder nach vorne bringen, und sei es auch nur in die Opposition.

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—— Benedikt Brenner